Wien. Von Nylon Sackerln und deutschen Unwörtern im österreichischen Sprachgebrauch.

Beliebt (trotz deutscher Staatsbürgerschaft): goldene (Sprach)Regeln für ein Leben in Wien.

Manchmal dauert es nicht lange, bis man kapiert, wie der Hase läuft. Bzw. hört. Und spricht. Und überhaupt. In Wien jedenfalls habe ich sehr schnell verstanden, welche Begriffe man niemals in den Mund nehmen sollte. Zumindest nicht, wenn man irgendwie dazugehören möchte. Dank unverblümter, österreichischer Direktheit geht die Lernkurve aber steil nach oben (zumindest, was das Vokabular betrifft;)). Nachdem ich beispielsweise sehr oft und sehr laut angepflaumt wurde, weil ich in der Bäckerei Brötchen (statt Semmel) bestellte  und mir die Aushändigung unter Verwendung des Begriffes Brötchen sogar verweigert wurde resignierte ich irgendwann und bestellte artig Semmel. Aber nicht nur die armen Brötchen, auch die unschuldige Tüte gilt als absolutes Unwort. Werden Österreicher mit diesen Begriffen konfrontiert, reagieren sie wie der Wirt in einer Düsseldorfer Kneipe, bei dem gerade eine Kölsch-Bestellung aufgegeben wurde. Rheinländer wissen, wovon ich spreche. Die goldene Anfängerregel für ein unbeschwertes Leben in Wien lautet also: brøːtçən & tyːtə = NO GO.

Da ich mein Leben in Wien genießen wollte und deutsche Staatsbürger (falls außerhalb Bayerns gebürtig) es ohnehin nicht unnötig leicht haben, versuchte ich mich mehr und mehr sprachlich anzupassen, bestellte artig meinen Verlängerten (=schwarzen Kaffee) mit Kandisin (=Süßstoff). Ab und zu dann noch faschierte Laiberl (=Frikadelle; nach Brötchen und Tüte meistgehasstes Wort no. 3). Erdäpfel mit Melanzani (=Kartoffel und Zucchini) und zum Nachtisch kein Gebäck (das sind nämlich Brötchen beim Bäcker), sondern Kuchen mit Schlagobers (=Sahne). An der Käsetheke rechnete ich artig Gramm in Deka um (100g=10Deka). Einzig das Wort Nylonsackerl (=Plastiktüte) kam mir nie über die Lippen, das wäre einfach zu viel gewesen. Die goldene Fortgeschrittenenregel lautet also: fleißig Vokabeln lernen, neben brøːtçən und tyːtə auch frɪkaˈdɛlə vermeiden.

Ein weiteres absolutes no go bzw. no do ist das Fahrradfahren auf dem Bürgersteig. Wird dies hierzulande (in zivilisierter Schrittgeschwindigkeit wohlgemerkt) maximal eines missbilligenden Blickes gewürdigt, so muss man sich in Wien auf folgendes gefasst machen: „Sind’s deppert junge Frau. Steigens aaaaaaaab!!! Sinds deppert!!!“ Das ganze durch die komplette Kärntnerstraße GEBRÜLLT, in einer Lautstärke, bei der Tenöre in der Oper nebenan neidvoll erblassen würden… Die Goldene Expertenregel (und damit steht dann der Integration auch nichts mehr im Wege;)) zum Schluss: NIEMALS öffentliche Verkehrsregeln missachten (sollte man natürlich ohnehin nirgendwo tun…).

Resümierend sage ich, dass Wien eine tolle Stadt ist, multikulturell und sehr vielfältig, vor allem außerhalb des ersten Bezirkes mit all seinen pompösen Prunkbauten. Es ist diese Mischung aus atemberaubend schöner Architektur, fühlbarer Geschichte, osteuropäischem Wind, alternativen Bars und Cafés und kulturellem Angebot, die Wien lebenswert machen. Deshalb komme ich auch, nachdem ich Wien den Rücken gekehrt habe um nach Berlin zu ziehen, immer wieder gerne in die wie viele meinen schönste Stadt Europas  zurück.

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2 Gedanken zu “Wien. Von Nylon Sackerln und deutschen Unwörtern im österreichischen Sprachgebrauch.

  1. Haaa. Nächste Woche werde ich ein paar Tage in Wien verbringen. Nach deinem kleinen Rückblick auf deine Zeit in Wien freue ich mich nun einmal mehr auf meine Reise.

    Was sollte man sich deiner Meinung nach (fernab von den Reiseführern) in Wien ansehen? Gibt es da etwas, was vielleicht in keinem Reiseführer steht und du empfehlen würdest?

    Grüße Torsten

  2. Hey! Warst du schonmal in Wien? Also im Sommer würde mir definitiv mehr einfallen, aber natürlich musst du eine Kaffeehaustour machen. An der rechten und linken Wienzeile entlang des Naschmarkts gibt es viele nette Lokale. Wenn du es klassisch magst: Kaffeehaus Sperl auf der Gumpendorfer Straße. Am Spittelberg ist es auch SEHR nett. Das Cafe Westend am Westbahnhof ist auch gut, ein altes Kaffeehaus eben. Und ein etwas anderes Wien findet sich am Brunnenmarkt im 16. Bezirk, da war ich im Sommer fast jeden Tag :). Grüß mir die Stadt mal und viel Spaß!

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